22.01.2020

Offene Wohnbereiche – gemütlich und kommunikativ oder völlig überschätzt?

Die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten, befindet sich in einem stetigen Wandel. Das macht sich besonders bei den Grundrissen bemerkbar, die in den letzten Jahren bei Neu- und Umbauten immer loftartiger wurden. Wir nehmen den Trend zur grenzenlosen Offenheit im Haus unter die Lupe.
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Offene Wohnbereiche – gemütlich und kommunikativ oder völlig überschätzt? Foto: pixabay.com
Offene Wohnbereiche – gemütlich und kommunikativ oder völlig überschätzt? Foto: pixabay.com
Moderne Häuser erinnern immer mehr an Lofts, in deren offene Grundrisse Architekten nahezu verliebt zu sein scheinen. Tatsächlich haftet dem Wohnen im Loft etwas Exotisches und Rebellisches an. Die Künstler und Alternativen, die sich in den 40 er Jahren des letzten Jahrhunderts in leerstehenden Industriehallen in den Städten einquartierten, taten dies jedoch oft aus der Not heraus. Wohnraum war teilweise schwer zu finden oder teuer. Die Umnutzung der alten Industriegebäude ermöglichte es, günstigen Wohnraum zu schaffen. Zudem konnten die Künstler so Wohnen und Arbeiten miteinander verbinden. Fehlende Zwischenwände und enorme Raumhöhen prägten das Gesicht dieser Räume. Heute wird dieses Wohnen in vielen Häusern ganz selbstverständlich verwirklicht.

Wohnen wie im Loft ist voll im Trend

Die Entwicklung hin zu den modernen, grenzenlos offenen Räumen ging in kleinen Schritten vonstatten. Zunächst einmal waren Wohnküchen im Trend, bei denen Küche und Esszimmer zu einem etwas größeren Raum verschmolzen. Mittlerweile scheint auch das separate Wohnzimmer ausgedient zu haben. Im Trend sind offene Etagen, bei denen Flurbereich, Küche, Esszimmer und Wohnzimmer als ein einziger, offener Raum gestaltet worden sind. Meist ist die unsere Etage eines Neubaus auf diese Art gestaltet. Dieser Grundriss unterscheidet sich von der sogenannten Flurwohnung, bei der die einzelnen Zimmer von einem zentralen Flur aus erreicht werden können.

Neuste Grundrisse versprechen Offenheit sogar bis in die oberen Etagen hinein. Von der Galerie aus lässt sich das gesamte untere Stockwerk überblicken. Wie praktisch sind diese Häuser, gerade für Familien?
 
Offene Wohnbereiche – gemütlich und kommunikativ oder völlig überschätzt? Foto: pixabay.com
Offene Wohnbereiche – gemütlich und kommunikativ oder völlig überschätzt? Foto: pixabay.com

Leben in offenen Räumen

Viele Architekten lieben die offenen Räume, die eine planerische Herausforderung sind und bei gekonnter Umsetzung einen ausgesprochenen Charme entwickeln können. Doch wie bewährt sich das Konzept im Alltag? Das Reizvolle ist, dass die Gemeinschaft durch die großzügige Raumgestaltung gefördert wird. Man plaudert miteinander, während man an der Kochinsel eine Mahlzeit zubereitet und zieht nach dem Essen einfach auf die Couch um, um gemeinsam noch einen Film zu schauen. Dafür muss auch die Einrichtung entsprechend gestaltet werden. Mit einem kleinen Esstisch oder Wohnzimmertisch ist es nicht getan, die Möbel müssen etwas ausladender sein, um nicht verloren zu wirken. 

Alles fließt und geht nahtlos ineinander über, was besonders beim Treffen mit Freunden oder der Familie ein schönes Gefühl erzeugt. Auch wer kleine Kinder hat, schätzt es, sie im Wohnraum immer im Blick zu haben.

Offene Räume berücksichtigen nicht alle Bedürfnisse 

Anders sieht es jedoch aus, wenn die Kinder etwas größer werden. Dann können die großen Räume sogar wieder zu einer räumlichen Trennung führen. Denn wie soll man mit der Freundin, die zu Besuch ist, in Ruhe in der Küche quatschen, während die Kinder lautstark spielen oder gemeinsam vor dem TV oder der Spielekonsole sitzen? Möchte man als Paar stets wie auf dem Präsentierteller sitzen, weil die Kinder oder der Besuch von der oberen Etage aus alles überblicken können, was im Erdgeschoss passiert? Und wie wirkt sich die räumliche Offenheit auf die Partnerschaft aus, wenn der eine telefonieren, Besuch empfangen oder am Rechner arbeiten, der andere jedoch fernsehen will?

Menschen haben ein ganz natürliches Bedürfnis nach Rückzug und Privatsphäre, das sich auch auf den Partner oder die Kinder erstreckt. In ganz offenen Räumen kommt dieses Bedürfnis zu kurz. 

Auch im Obergeschoss fließen die Räume mehr und mehr ineinander

Der offene Grundriss hat bisher aus vielen Erdgeschossen kleine Wohnhallen gemacht, während im Obergeschoss die Räume klar voneinander abgetrennt blieben. Badezimmer, Schlafräume und Kinderzimmer waren meist nach dem klassischen Flurprinzip gestaltet. Der Trend zur Offenheit greift jedoch vermehrt auf das OG über. Auch hier etablieren sich die individualisierten Grundrisse, die oft eine räumliche Großzügigkeit beinhalten. Das heißt, auch das Baden und Schlafen sind nicht mehr selbstverständlich separiert. Badezimmer, Schlafzimmer und Ankleidezimmer fließen ineinander über und sind maximal noch durch transparente oder halbhohe Wände voneinander getrennt. Um vor dem Partner oder den Kindern etwas Ruhe zu finden, bleibt dann nur noch, das Stockwerk zu wechseln.

Praktische Alternativen zur totalen Offenheit 

Wer für sich selbst baut, sollte bedenken, dass sich seine Ansprüche mit der Zeit wandeln können. Wer baut, um zu verkaufen, sollte die Bedürfnisse gerade von Familien im Auge haben, damit sein Objekt verkäuflich wird. Denn auch, wenn die offenen Grundrisse Begeisterung hervorrufen, führt diese nicht immer auch zu einem Kauf. Oft sind es praktische Gründe, warum sich Käufer gegen ein solches Objekt entscheiden oder Bauherren die einstige Planung bereuen. So wirkt man dem entgegen:
  • Einen Flurbereich einplanen. Von der Eingangstür aus das gesamte Erdgeschoss im Blick? Unpraktisch und ungemütlich, wenn andererseits auch die dreckigen Gummistiefel, Hundehandtücher und der Jackenberg vom Wohnbereich aus stets im Blickfeld sind.
  • Die Gästetoilette separieren. Niemand mag gern auf eine Toilette gehen, bei der er befürchten muss, dass die versammelte Mannschaft im Erdgeschoss jedes Geräusch hören kann.
  • Eine „sanfte“ Trennung einplanen. Verschiedene Bodenbeläge, unterschiedliche Ebenen durch Stufen und Schiebetüren bieten in offenen Wohnräumen etwas mehr Flexibilität.
  • Flexibel planen. Mag sein, dass die totale Offenheit einem heute gefällt, in ein paar Jahren wünscht man sich jedoch vielleicht an anderes Wohnkonzept. Wohl dem, der dann so gebaut hat, dass er jederzeit problemlos eine räumliche Trennung verwirklichen kann. Das ist der Fall, wenn Fenster und Türen so geplant sind, dass leicht Trennwände eingebaut werden können, die dem Raum einen ganz neuen Charakter und Nutzungsmöglichkeiten bieten. In der Schweiz ist diese Art der Raumplanung gang und gebe, in Deutschland muss sie sich erst noch durchsetzen. 
  • Mit Verbindungstüren arbeiten. Wer mit mehreren, mittelgroßen Räumen plant und diese mit großen Schiebetüren verbindet, hat ein wesentlich flexibleres Raumkonzept und kann zwischen Offenheit und Abgeschiedenheit wählen. Architektonisch ist das kein Problem, man muss nur die entsprechenden Ideen haben.
Fazit: Die totale Offenheit beim Wohnen liegt voll im Trend und greift aus der unteren Etage auf die Obergeschosse über. Nicht nur Kochen, Essen und Wohnen, auch Baden und Schlafen verschmelzen mehr und mehr miteinander. Dieses Wohnkonzept ist schick und kommunikativ, birgt aber gerade für Familien einige Nachteile. Klüger baut, wer sich auf wechselnde Bedürfnisse einstellt und ein flexibles Konzept verwirklicht.


Quelle
c.n.


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