In Kreisläufen denken

Endlich – mit dem angekündigten Siegel „Nachhaltige Gebäude“ nimmt die Ampelkoalition die CO2-Emissionen in den Fokus. Außerdem will die Politik den Weg ebnen für eine echte Kreislaufwirtschaft im Gebäudebereich.
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CO2-Fußabdruck beim Hausbau verringern
Klimafreundliches Bauen wird immer wichtiger. Foto: Schwäbisch Hall
Gut so, denn: Wer Klimaschutz ernst meint, muss den Ressourcenverbrauch im gesamten Lebenszyklus einer Immobilie in den Fokus nehmen – von der Planung bis zum Abriss. Der Beitrag den der Gebäudesektor zum Erreichen der Klimaziele leisten kann und muss, ist enorm: Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen nahezu halbiert sein und auf 67 Millionen Tonnen sinken. Gelingen soll das vor allem durch die energetische Optimierung des Gebäudebestands. Millionen von Immobilienbesitzern müssen also ihren Energieverbrauch senken und auf erneuerbare Energien umsatteln. So richtig und wichtig die Konzentration auf den Bestand ist: Sie greift zu kurz. Wir müssen weiterdenken und viel stärker den gesamten Lebenszyklus in den Blick nehmen.

Was ist damit gemeint? Drei Beispiele möchte ich herausgreifen. Erstens, der immense Materialaufwand fürs Bauen: Das gesamte verbaute Material im deutschen Gebäudebestand wird auf ca. 15 Milliarden Tonnen geschätzt. Ein gewaltiges Potenzial für Ressourcenschonung und Klimaschutz, das bei weitem noch nicht gehoben ist. Denn die Herstellung von neuen Baumaterialien ist energieintensiv: Bis zu zehn Prozent des Gesamtenergieverbrauchs in der EU entfallen auf die Herstellung von Bauprodukten. Und: Am Ende wird nur ein geringer Teil der verbauten Rohstoffe im Bauwesen wirklich wiederverwertet.
 
Denken wir beim Hausbau in großen Zyklen statt in einzelnen Segmenten, ist das gesetzte CO2-Ziel bis 2030 erreichbar
Gesamter Lebenszyklus des Hausbaus im Blick: CO2-Emissionen wirksam reduzieren. Foto: Gerd Altmann / pixabay

Verwertung ist nicht gleich Verwertung

Zweitens, das Abfallaufkommen und die Frage des (mangelnden) Recyclings: Mehr als die Hälfte des jährlichen Abfallaufkommens in Deutschland geht auf die Bauwirtschaft zurück. Und das mit steigender Tendenz – schließlich nehmen Bau- und Abbruchabfälle analog zur Konjunktur des Baugewerbes zu. Eine wirkliche Wiederverwendung findet bisher allerdings kaum statt. Bauabfälle landen häufig auf der Deponie oder werden in niederwertigeren Bereichen wie in Steinbrüchen eingesetzt, nicht aber für den Neubau von Gebäuden verwendet. Wir müssen also bereits bei der Planung darauf achten, welches Material wir in welcher Form verbauen, damit wir am Lebensende einer Immobilie möglichst alle Materialien wiederverwenden können.

Rohstoffe im Kreislauf nutzen

Drittens, die Auswahl der verwendeten Baumaterialien: Die Auswahl an nachwachsenden Baustoffen und deren Einsatzmöglichkeiten sind groß. Massive Holzwände, Lehm oder Kork können vergleichsweise ressourcenarm produziert und nach ihrem Lebensende besonders gut wiederverwendet werden. Klimabelastende Baumaterialien wie etwa konventionell produzierter Zement und Stahl lassen sich durch nachwachsende Rohstoffe wie Holz ersetzen – nicht nur bei klassischen Einfamilienhäusern, sondern auch zunehmend bei Hochhäusern oder Mehrfamilien-Wohnblocks.

Das senkt die Emissionen im Gebäudesektor erheblich. Denn während die Herstellung von Beton CO2-Emissionen verursacht, kann Holz diese binden. Allerdings muss für einen wirksamen Klimaschutz das Holz aus einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung gewonnen und nach Abriss des Gebäudes weiterverwendet werden. Denn nur wenn die Rohstoffe möglichst lange verbaut bleiben, werden auch die Emissionen auf Dauer gebunden.
 
Der Weg zum Traumhaus – aber klimafreundlich, bitte!
Klimafreundlich bauen – von der Planung bis zum Rückbau. Foto: Schwäbisch Hall
Drei Beispiele, die zeigen: Die Phase der Herstellung und der Rückbau nach dem Lebensende einer Immobilie wird noch viel zu häufig vernachlässigt. Vor allem der Einsatz nachwachsender Rohstoffe und Baumaterialien mit einem hohen Recyclinganteil können dazu beitragen, die Energieaufwände und CO2-Emissionen im Gebäudesektor erheblich zu reduzieren.

Politische Leitplanken erforderlich

Keine Frage: In Kreisläufen zu denken und zu handeln, geht nicht allein. Echte Kreislaufwirtschaft erfordert die Zusammenarbeit einer Vielzahl von Akteuren. Im Gebäudesektor müssen Baustoffhersteller, Baufirmen, Bauherren und Baufinanzierer idealerweise unter vergleichbaren Rahmenbedingungen an einem Strang ziehen. Die Pläne der Ampelkoalition für einen digitalen Gebäuderessourcenpass und neue Strategien, um den Einsatz nachhaltiger Baumaterialien zu fördern, gehen deshalb in die richtige Richtung.

Dennoch: Kreislaufwirtschaft bleibt eine Herkulesaufgabe, die letztlich nur durch definierte Standards und gesicherte Finanzierbarkeit zu bewältigen ist. Doch es lohnt sich: Experten schätzen, dass wir künftig aus dem so genannten anthropogenen Lager, das unser Gebäudebestand darstellt, den Großteil der Rohstoffe an Stahl, Edelmetallen oder Glas (wieder)gewinnen können – Stichwort: Urban Mining. Wenn wir Klimaschutz ernst meinen, führt kein Weg daran vorbei die Perspektive zu erweitern. Und künftig mehr in Kreisläufen zu denken.

Hausmeinung von Reinhard Klein, Vorsitzender des Vorstands der Bausparkasse Schwäbisch Hall AG

Quelle08.09.2022
Bausparkasse Schwäbisch Hall AG

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